•25. August 2009 •
25.08.09
45° 10’N 028° 47’E
Tulcea
Um 15:14 Uhr fotografiere ich das Ortsschild von Tulcea. Damit habe ich genau einen Monat nach meiner Abfahrt in Frankfurt am Main mein Ziel erreicht. 3.200 Kilometer auf meinem Rotor Komet liegen hinter mir. Es tut gut, anzukommen.
Zuvor war Tulcea für mich nur ein Punkt auf der Landkarte. Die letzte große Stadt, bevor die Donau in einem riesigen Delta in das Schwarze Meer mündet. Ein Punkt, der zu einem Ziel wurde. Ein Ziel, das ich erreichen wollte. Erreichen mit einem in Zeiten von Billigflügen für viele wohl überholten Verkehrsmittel. Ich habe es geschafft. Ich bin tatsächlich von meiner Haustür in Frankfurt am Main an das Schwarze Meer mit dem Fahrrad gefahren.
Jetzt kann ich behaupten, es war einfacher als gedacht. Doch ich bin mir dabei sehr bewusst, dass ich unwahrscheinlich viel Glück bei dem ganzen Abenteuer hatte. Es gab keinen einzigen Defekt an meinem Fahrrad oder an meiner restlichen Ausrüstung. Okay, ich hatte auch ungefähr ein halbes Jahr lang meine Ausrüstungsgegenstände anhand von Berichten anderer Reiseradler recherchiert und mich an deren Empfehlungen orientiert. Für die Weitergabe all dieser Erfahrungen danke ich Euch allen sehr. Und wer Fragen hat zu meiner Ausrüstung, kann diese gerne an mich unter sven.furrer@t-online.de stellen. Die Liste der Gegenstände findet Ihr ja auf dieser Blog-Seite. Aber nicht nur das Material war wichtig für das Gelingen der Tour. Auch meine Fitness und Gesundheit spielten mit. Die Tour ist nämlich auf keinen Fall zu unterschätzen. Allein heute hatte ich noch einmal 700 Höhenmeter und knapp 100 Kilometer zu absolvieren. Strecken von über 100 Kilometer waren für mich die Regel. Und dennoch fand ich einmal keine Unterkunft und musste wild zelten. Bei den warmen Temperaturen und den wenigen Regentagen hätten eventuell eine Isomatte und ein Schlafsack ausgereicht, um mal eine Nacht ohne feste Unterkunft auszukommen.
Sehr zufrieden war ich mit meinem Fahrrad, dem Rotor Komet von Generator Sports in Leipzig. Alles andere als ein wirklich robustes Reiserad hätte für mich auf dieser Tour keinen Sinn gemacht. Ich kann jedem, der eine ähnliche Tour plant, nur raten, ein ähnlich stabil ausgelegtes Rad zu wählen. Denn immer wieder ging es über ausgewaschene Dammwege oder über kilometerlange Straßenbaustellen ohne Asphaltbelag. Von Schlaglöchern, in denen mein Vorderrad komplett verschwunden wäre, und Straßenbelägen, die eigentlich die Bezeichnung „Teerflickenteppiche“ tragen sollten, ganz zu schweigen. Und in vielen osteuropäischen Städten beträgt die Bordsteinhöhe auch schon mal 30cm ohne Abschrägung. Besonders hervorheben möchte ich in diesem Zusammenhang auch meine Laufradwahl, bestehend aus Rigida Sputnik Felgen, Rohloff- bzw. Shimano XT-Nabe, DT Swiss 2.0 Speichen und dem alles überragenden Schwalbe Marathon XR Mänteln. Insbesondere letztere sind für mich so unglaublich robust. An meinem Vorderreifen ist nach über 3.000 Kilometern kaum Abrieb zu erkennen. Trotz teilweiser übler Schotterpassagen hatte ich keinen einzigen Plattfuß. Die Reifen sind ein absolutes Muß für jeden Reiseradler.
Doch damit genug zur Technik und eine kurze Zusammenfassung zu den Höhepunkten und Tiefpunkten der Tour aus Ländersicht. Mich haben alle Länder entlang der Donau auf Ihre eigene Art und Weise fasziniert. Von Serbien und Rumänien wurde ich definitiv positiv überrascht. So wunderschöne Landschaften und so aufgeschlossene Menschen hatte ich dort nicht erwartet. Mit den Einwohnern Bulgariens konnte ich mich nicht wirklich anfreunden. Vielleicht habe ich aber auch nur die falschen getroffen. Die interessantesten Städte entlang der Donau muß ich nicht mehr erwähnen. Davon gibt es einfach zu viele davon. Aber auch Übernachtungen wie beispielsweise an der Kreuzung der Straßen 3A/2B in Rumänien oder Zelten auf freiem Feld in Serbien werden mir wohl besonders in Erinnerung bleiben. Den eigentlichen Höhepunkt der Reise, das Donaudelta an sich, werde ich morgen vom 40 Kilometer entfernten Murighiol aus per Boot im Rahmen eines zweitägigen Aufenthaltes auf einem Hotelboot genießen. Danach geht es Freitag oder Samstag noch einmal per Pedale in Richtung Flughafen Mihail Kogălniceanu bei Constanta, von wo aus die rumänische Fluggesellschaft TAROM mich und hoffentlich auch mein Bike am Sonntag nach Hause fliegen werden.
Schließen möchte ich diesen kleinen Reise-Blog mit folgenden Gedanken zu unseren Träumen, die es zu verwirklichen gilt:
„Der Mensch darf nie aufhören zu träumen. Der Traum ist für die Seele, was Nahrung für den Körper bedeutet. …
Der gute Kampf ist der, den wir im Namen unserer Träume führen. Wenn sie mit aller Macht in unserer Jugend aufflammen, haben wir zwar viel Mut, doch wir haben noch nicht zu kämpfen gelernt. Wenn wir aber unter vielen Mühen zu kämpfen gelernt haben, hat uns der Kampfesmut verlassen. Deshalb wenden wir uns gegen uns selber und werden zu unseren schlimmsten Feinden. Wir sagen, dass unsere Träume Kindereien, zu schwierig zu verwirklichen seien oder nur daher rührten, dass wir von den Realitäten des Lebens keine Ahnung hätten. Wir töten unsere Träume, weil wir Angst davor haben, den guten Kampf aufzunehmen. …
Das erste Symptom dafür, dass wir unsere Träume töten, ist, dass wir nie Zeit haben. …
Das zweite Symptom dafür, dass unsere Träume tot sind, sind unsere Gewissheiten. Weil wir das Leben nicht als ein großes Abenteuer sehen, das es zu leben gilt, glauben wir am Ende, dass wir uns in dem wenigen, was wir vom Leben erbeten haben, weise, gerecht und korrekt verhalten. …
Das dritte Symptom für den Tod unserer Träume ist schließlich der Friede. Das Leben wird zu einem einzigen Sonntagnachmittag, verlangt nichts Großes von uns, will nie mehr von uns, als wir zu geben bereit sind. Wir halten uns dann für reif, glauben, dass wir unsere kindischen Phantasien überwunden und die Erfüllung auf persönlicher und beruflicher Ebene erlangt haben. …
Aber in Wahrheit, ganz tief im Inneren unseres Herzens, wissen wir, dass wir es in Wirklichkeit nur aufgegeben haben, um unsere Träume zu kämpfen, den guten Kampf zu führen.“
Aus Paulo Coelho’s „Auf dem Jakobsweg“
In diesem Sinne werde ich weiter träumen und hoffentlich auch ein paar dieser Träume realisieren können.
Veröffentlicht in Donaureise
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